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Sicherheitstechnische Methoden

Safety‑I, Safety‑II, HOP, BBS.Was sie leisten. Was nicht.

Safety-I und Safety-II, Human and Organizational Performance (HOP), Behaviour Based Safety und die Bradley-Kurve: Diese Seite ordnet die gängigen Methoden und Modelle der Arbeitssicherheit ein – herkunftsgetreu, mit Quellen und mit einer klaren Aussage dazu, wie SAFETEE sie in Projekten kombiniert.

Safety-I · Safety-IIHOP · Learning TeamsBBS · Bradley-Kurve
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Work-as-Imagined vs. Work-as-DoneSafety-II
Safety-I sieht, was vom Verfahren abweicht: drei Abweichungen, drei Ursachen, drei Maßnahmen.
01
Warum Methoden?

Vier Denkschulen.
Ein Werkzeugkasten.

Sicherheitstechnische Methoden sind Denk- und Arbeitsweisen, mit denen Unternehmen Unfälle verhindern und sichere Arbeit ermöglichen. Die klassische Sicherheitstechnik (Safety-I) fragt, was schiefgeht, und beseitigt Ursachen. Neuere Ansätze wie Safety-II und HOP fragen, wie Arbeit unter wechselnden Bedingungen gelingt, und gestalten Organisation und Kontext. Behaviour Based Safety liefert dafür Beobachtungen und Gespräche. Reifegradmodelle wie die Bradley-Kurve beschreiben Sicherheitskultur – erklären sie aber nicht.

Safety-I
Ursachen beseitigen

  • Leitfrage: Was ist schiefgegangen – und warum?
  • Werkzeuge: Gefährdungsbeurteilung, Regeln, Unfalluntersuchung, Barrieren
  • Grenze: sieht nur den seltenen Fehlerfall

Safety-II
Gelingen verstehen

  • Leitfrage: Warum gelingt Arbeit fast immer – auch unter Druck?
  • Werkzeuge: Work-as-Done analysieren, Anpassungen sichtbar machen, Resilienz stärken
  • Grenze: schwer zu messen, ersetzt keine Pflichten

HOP
Kontext gestalten

  • Leitfrage: Welche Bedingungen haben dieses Verhalten nahegelegt?
  • Werkzeuge: Learning Teams, Fehlertoleranz, Schutzbarrieren, Just Culture
  • Grenze: Haltung ohne Verankerung bleibt Rhetorik

BBS
Verhalten beobachten

  • Leitfrage: Welches Verhalten sehen wir – und was macht es sicher?
  • Werkzeuge: Beobachtung, Feedback, Frühindikatoren
  • Grenze: ohne Systemblick wird der Mensch zum Problem
02
Safety-I und Safety-II

Was schiefgeht
und was gelingt.

Die Unterscheidung stammt von Erik Hollnagel: 2013 als EUROCONTROL-Whitepaper (mit Leonhardt, Licu und Shorrock), 2014 als Buch. Safety-I definiert Sicherheit als Zustand, in dem möglichst wenig schiefgeht. Safety-II definiert sie als Fähigkeit eines Systems, unter wechselnden Bedingungen zu gelingen. Beide Perspektiven schauen auf dieselbe Arbeit – und sehen Verschiedenes.

Safety-I
Safety-II
Sicherheit ist …
… wenn möglichst wenig schiefgeht. Gemessen an Unfällen, Verletzungen, Abweichungen.
… die Fähigkeit, unter wechselnden Bedingungen zu gelingen. Gemessen an dem, was täglich gut geht.
Der Mensch ist …
… eine Fehlerquelle, die durch Regeln, Automatisierung und Kontrolle begrenzt wird.
… die Ressource, die Lücken zwischen Verfahren und Wirklichkeit schließt – durch Anpassung.
Untersucht wird …
… der Unfall: Ursachenkette rückwärts, Ursache finden, Ursache beseitigen.
… der Alltag: Wie wird gearbeitet (Work-as-Done), wo weicht er vom Plan (Work-as-Imagined) ab – und warum gelingt es trotzdem?
Die Kennzahl ist …
… nachlaufend: Unfallrate, LTIF, Ausfalltage.
… vorlaufend: Anpassungen, Meldungen, Lernschleifen, die vier Resilienz-Fähigkeiten reagieren, überwachen, lernen, antizipieren.
Die Grenze ist …
… der seltene Fehlerfall erklärt nicht den Normalfall. Schuldzuweisung liegt nahe.
… schwer messbar, in Studien vor allem im Gesundheitswesen bislang kaum operationalisiert. Gesetzliche Pflichten bleiben Safety-I.

Hollnagel selbst beschreibt Safety-II als Ergänzung von Safety-I, nicht als Ersatz. Genau so setzen wir es ein: Gefährdungsbeurteilung, Regeln und Barrieren bleiben – ergänzt um den Blick darauf, wie Ihre Teams Arbeit tatsächlich erledigen.

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03
HOP – Human and Organizational Performance

Der Kontext
bestimmt das Verhalten.

HOP stammt aus der Human-Performance-Bewegung der US-Nuklearindustrie (INPO; DOE Human Performance Improvement Handbook, 2009) und wurde von Todd Conklin und Sidney Dekker („Safety Differently“) für die Industrie verbreitet. HOP ist keine Methode mit Formular, sondern eine Haltung mit fünf Prinzipien – und einem Werkzeug, das sie im Betrieb konkret macht: dem Learning Team.

Menschen machen Fehler

Irren ist normal und vorhersagbar. Systeme müssen so gebaut sein, dass ein Fehler nicht zum Unfall wird – Fehlertoleranz statt Fehlerfreiheit.

Schuld löst nichts

Wer Schuldige sucht, bekommt Schweigen. Wer Bedingungen versteht, bekommt Informationen. Just Culture ist die Voraussetzung für Lernen.

Der Kontext bestimmt das Verhalten

Zeitdruck, Werkzeuge, Vorgaben und Vorbilder legen Verhalten nahe. Wer Verhalten ändern will, ändert zuerst den Kontext.

Lernen ist entscheidend

Organisationen lernen nicht aus Berichten, sondern aus Gesprächen mit denen, die die Arbeit machen – vor und nach Ereignissen.

Die Reaktion zählt

Wie das Management auf ein Ereignis reagiert, entscheidet, was beim nächsten Mal gemeldet wird.

Learning Teams

Moderierte Gespräche zwischen Ausführenden und Gestaltern der Arbeit: Was macht diese Aufgabe schwer? Was hilft? Das Ergebnis sind bessere Bedingungen, keine neuen Regeln.

Werkzeuge aus HOP
Learning TeamPre-Job-BriefingFehlertoleranzSchutzbarrierenJust CultureKapazität statt KontrolleLearning TeamPre-Job-BriefingFehlertoleranzSchutzbarrierenJust CultureKapazität statt Kontrolle
04
Die Bradley-Kurve

Vier Stufen.
Ein Modell ohne Beleg.

Die DuPont Bradley Curve™ (heute dss+) beschreibt Sicherheitskultur als Weg über vier Stufen, auf dem die Unfallrate sinkt: reaktiv, abhängig, unabhängig, interdependent. Das Bild ist eingängig – deshalb hängt es in vielen Besprechungsräumen. Es ist aber ein Beratungsprodukt, kein empirisch geprüftes Modell.

Kurvenverlauf nach Herstellerdarstellung (DuPont/dss+, „seit 1995“). Keine unabhängige Validierung bekannt.
Was gegen die Kurve spricht
  1. Keine empirische Validierung. Der Zusammenhang zwischen „Kulturstufe“ und Unfallrate ist eine Behauptung des Anbieters. Unabhängige Studien, die den Kurvenverlauf belegen, sind nicht bekannt; selbst die Herkunft des Namens ist schlecht dokumentiert.
  2. Ein Betrieb hat keine Stufe. Organisationen sind je nach Bereich, Schicht und Auftragslage unterschiedlich „reif“. Eine Montagekolonne kann interdependent arbeiten, während die Produktion unter Termindruck reaktiv wird – gleichzeitig, im selben Werk.
  3. Verhalten statt Kontext. Die Kurve erklärt hohe Unfallraten mit fehlender Eigenverantwortung der Beschäftigten. HOP und Safety-II zeigen: Verhalten folgt Bedingungen. Wer die Stufe „unabhängig“ einfordert, ohne Zeit, Werkzeug und Führung zu ändern, verlangt Heldentum.
  4. Unfallrate als Maßstab. Sinkende Unfallzahlen können auch Nichtmelden bedeuten – besonders, wenn Prämien und Rankings daran hängen. Eine Kultur „interdependent“ zu nennen, weil die Rate niedrig ist, verwechselt Ergebnis und Ursache.
  5. Ein Verkaufsbild. Die Kurve ist markenrechtlich geschützt und an Beratungsprodukte gekoppelt (Perception Survey, Kulturprogramme). Das macht sie nicht falsch – aber zu einem Argument, nicht zu einem Messinstrument.
Wie wir mit Reifegradmodellen arbeiten
01

Als Gesprächsbild, nicht als Messwert

Die vier Stufen taugen, um mit Führungskräften über Verantwortung zu sprechen. Zur Standortbestimmung nutzen wir Beobachtungen, Meldungen und Learning Teams – keine Selbsteinschätzung auf einer Kurve.

02

Kulturleiter nach Westrum und Hudson

Die fünfstufige Leiter (pathologisch – reaktiv – kalkulierend – proaktiv – generativ) beschreibt, wie eine Organisation mit Informationen umgeht: Werden Boten bestraft oder gehört? Das ist ebenfalls ein Modell, aber eines mit beobachtbaren Ankern.

03

Frühindikatoren statt Stufen

Beobachtungsquote, Anteil sicherer Beobachtungen, Durchlaufzeit gemeldeter Hürden, Zahl der Learning Teams, Reaktionszeit der Führung: Das sind Kennzahlen, die Bewegung zeigen, bevor die Unfallrate es tut.

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05
Behaviour Based Safety einordnen

BBS:
Werkzeug, nicht Weltbild.

Behaviour Based Safety (verhaltensorientierte Arbeitssicherheit) ist die älteste der hier beschriebenen Methoden und die umstrittenste. Beides zu Recht.

01

Herkunft

Wissenschaftliche Grundlage ist die angewandte Verhaltensanalyse; die erste Feldstudie stammt von Komaki, Barwick und Scott (1978). Kommerziell verbreitet wurde BBS ab den 1980er-Jahren durch DuPont STOP und Berater wie Behavioral Science Technology (Krause).

02

Evidenz

Eine Meta-Analyse von 13 Studien (Tuncel et al. 2006) fand nach BBS-Einführung deutlich weniger Verletzungen – bewertet die Studien aber als methodisch schwach: fast nur Vorher-nachher-Vergleiche ohne Kontrollgruppe. Wirkung ist plausibel, Prozentzahlen sind es nicht.

03

Kritik und Antwort

Die Kritik – Schuld beim Mitarbeiter, Anreize zum Nichtmelden, die widerlegte Heinrich-These von 88 % „unsicheren Handlungen“ (Manuele 2011) – trifft schlecht gemachte Programme. Gut gemachtes BBS fragt bei jeder Beobachtung nach dem Kontext, verzichtet auf Prämien und liefert HOP das, was der Haltung fehlt: Daten aus dem Alltag.

Beobachtung ohne Kontextfrage macht den Menschen zum Problem. Kontext ohne Beobachtung bleibt Theorie.

Leistung

Behaviour Based Safety mit SAFETEE

Programmaufbau, Beobachterschulung, Frühindikatoren – ohne Schuldzuweisung, mit Systemblick.

Zur Leistung
06
Wie SAFETEE die Methoden kombiniert

Die Situation
wählt die Methode.

Keine der Methoden ersetzt die andere. In unseren Projekten – HSE-Management, Sicherheitskoordination, Safety Consulting – entscheidet die Situation, welches Werkzeug zuerst greift:

Projektstart, neue Anlage
Safety-I zuerst

Gefährdungsbeurteilung, Regeln, Barrieren, Unterweisung. Ohne diese Basis hat kein anderer Ansatz Boden unter den Füßen.

Wiederkehrende Abweichungen
Learning Team (HOP)

Statt der dritten Ermahnung: ein moderiertes Gespräch mit den Ausführenden. Was macht die Aufgabe schwer? Meist sind es Zeit, Werkzeug oder widersprüchliche Vorgaben.

Nach einem Ereignis
Untersuchung ohne Schuld, Safety-II-Frage

Ursachen klären, ja – aber auch: Warum gelingt diese Arbeit an allen anderen Tagen? Die Antwort zeigt, welche Anpassungen das System trägt und welche nicht.

Führung will Kultur messen
Frühindikatoren + BBS

Keine Stufe auf einer Kurve, sondern Beobachtungsquote, Meldeverhalten, Reaktionszeit der Führung – gemessen mit einem BBS-Programm, das den Kontext mitfragt.

07
Häufige Fragen

Kurz erklärt:
Begriffe und Modelle.

Was ist Safety-II?

Safety-II ist ein von Erik Hollnagel geprägter Ansatz des Sicherheitsmanagements (Whitepaper 2013, Buch 2014). Sicherheit wird nicht als Abwesenheit von Unfällen verstanden, sondern als Fähigkeit eines Systems, unter wechselnden Bedingungen zu gelingen. Untersucht wird deshalb vor allem der Normalfall – wie Arbeit tatsächlich getan wird (Work-as-Done) – und nicht nur der seltene Unfall.

Was ist der Unterschied zwischen Safety-I und Safety-II?

Safety-I fragt, was schiefgeht, sucht Ursachen und beseitigt sie; der Mensch gilt dabei als Fehlerquelle. Safety-II fragt, warum Arbeit fast immer gelingt, und sieht den Menschen als Ressource, die Lücken zwischen Plan und Wirklichkeit schließt. Hollnagel versteht beides als Ergänzung: Safety-I für Regeln, Barrieren und Pflichten, Safety-II für Lernen und Anpassungsfähigkeit.

Was bedeutet HOP (Human and Organizational Performance)?

HOP ist eine Haltung im Arbeitsschutz, die menschliche Fehler als normal ansieht und deshalb Arbeitssysteme fehlertolerant gestaltet. Sie stammt aus der Human-Performance-Bewegung der US-Nuklearindustrie und wurde von Todd Conklin und Sidney Dekker verbreitet. Kernwerkzeug sind Learning Teams: moderierte Gespräche mit denen, die die Arbeit machen.

Was sind die fünf Prinzipien von HOP?

In der gängigen Formulierung nach Todd Conklin: Menschen machen Fehler. Schuld löst nichts. Der Kontext bestimmt das Verhalten. Lernen und Verbessern ist entscheidend. Die Reaktion der Führung auf Fehler zählt. Die Wortlaute variieren je nach Quelle leicht, die Aussage bleibt gleich.

Was ist die Bradley-Kurve?

Die DuPont Bradley Curve (heute dss+) ist ein Reifegradmodell für Sicherheitskultur mit vier Stufen: reaktiv, abhängig, unabhängig, interdependent. Sie stellt dar, wie die Unfallrate mit steigender Reife sinkt. DuPont vermarktet das Modell nach eigener Angabe seit 1995; die Namensherkunft ist schlecht dokumentiert.

Ist die Bradley-Kurve wissenschaftlich belegt?

Nein. Uns ist keine unabhängige Studie bekannt, die den dargestellten Zusammenhang zwischen Kulturstufe und Unfallrate belegt. Die Kurve ist ein Beratungsprodukt und eignet sich als Gesprächsbild, nicht als Messinstrument. Kritisiert werden das lineare Stufenmodell, der Fokus auf individuelles Verhalten und die Unfallrate als Maßstab, die auch durch Nichtmelden sinkt.

Was ist die Heinrich-Pyramide – und stimmt sie?

Herbert Heinrich veröffentlichte 1931 die Verhältniszahl 300 : 29 : 1 (Beinaheunfälle : leichte : schwere Verletzungen) und die These, 88 % der Unfälle seien auf unsichere Handlungen zurückzuführen. Fred Manuele hat 2011 gezeigt, dass beide Zahlen auf nicht nachvollziehbaren Versicherungsakten beruhen und die Ursachen schwerer Unfälle nicht denen von Beinaheunfällen entsprechen. Als Grundlage für Sicherheitsprogramme sind sie überholt.

Was ist ein Learning Team?

Ein moderiertes Gespräch – meist 60 bis 90 Minuten in zwei Runden – zwischen den Beschäftigten, die eine Aufgabe ausführen, und denen, die sie gestalten. Ziel ist nicht, Schuld oder eine einzelne Ursache zu finden, sondern zu verstehen, was die Arbeit schwer macht und welche Bedingungen sich ändern lassen. Learning Teams werden nach Ereignissen und vorbeugend eingesetzt.

Welche Methode passt zu meinem Unternehmen?

Das hängt von Ausgangslage und Reife der Basis ab. Ohne saubere Gefährdungsbeurteilung, Regeln und Barrieren (Safety-I) trägt kein Kulturprogramm. Wiederkehrende Abweichungen sprechen für Learning Teams (HOP), beobachtbare Routinetätigkeiten für Behaviour Based Safety, der Wunsch nach Kennzahlen für Frühindikatoren. Wir klären das in einem Erstgespräch und einer kurzen Bestandsaufnahme vor Ort.

08
Methoden, die zu Ihrem Betrieb passen

Sprechen wir darüber, welche Methode bei Ihnen zuerst greift.

Branche, Ausgangslage, aktuelle Sorge: Mit drei Angaben sagen wir Ihnen, womit wir anfangen würden – und melden uns innerhalb eines Werktags.